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Purpose – das neue Machtstreben? Ein Gedankenspiel

Dieser Artikel erschien zuerst bei Haufe New Management,

am 15. August 2022








Worauf arbeiten wir hin?


Karriere geht nur nach oben. Und wer ganz oben ist, hat gewonnen. Dann geht es nicht mehr um Weiterentwicklung, sondern nur noch um Erhalt. Die Mächtigen im Unternehmen haben das Wissen, das Sagen und das Geld.

Wer nicht mindestens maßgeblich zum Klimaschutz beiträgt, dessen Arbeit verdient keinen Applaus. Und wer sein WHY nicht benennen kann und das in einem Satz, muss nochmal üben.

Aus dieser Welt kommen viele von uns. Heute wird sie als tradiert verschrien. Niemand möchte noch so arbeiten und Unternehmen, in denen die Welt noch so aussieht, haben das Nachsehen und dringenden Transformationsbedarf. Während früher sehr klar war, wofür man sich ins Zeug legt, ist das jetzt nicht mehr so einfach. Macht ist zum Unwort geworden. Worauf arbeiten wir denn jetzt hin?


Die Einen mit, die Anderen ohne


Wir agieren heute anders. Wir sind selbstorganisiert, flexibel und sinngetrieben. Alle sind gleich wichtig, von Vorarbeiter:innen bis zum Vorstand. Wir tragen Sneaker, spielen Tischkicker und genießen unseren frischen Obstkorb. Hierarchie und Hackordnung gibt es nicht mehr. Organisationen entwickeln sich evolutionär und organisch. Wir glauben an die Sache, nicht an Gehaltserhöhungen.

Während früher sehr klar war, wofür man sich ins Zeug legt, ist das jetzt nicht mehr so einfach. Macht ist zum Unwort geworden. Worauf arbeiten wir denn jetzt hin?

Und als wäre das alles nicht schön genug, dürfen wir jetzt alle auch noch einen Purpose haben. Ganz im Sinne von New Work machen wir uns Gedanken darüber, warum wir arbeiten und wofür. Wir überlegen uns, was uns guttut und was uns morgens den Kick gibt, motiviert aus dem Bett zu springen. Ich bin dem Purpose sehr wohlgesinnt und er ist zweifelsohne wichtig, aber auch damit können wir es als Gesellschaft übertreiben.

Wer heute keinen Sinn in der eigenen Arbeit findet, hat etwas falsch gemacht, denn der reine Lohnerwerb wird als echter Purpose gesellschaftlich nicht anerkannt. Wer nicht mindestens maßgeblich zum Klimaschutz beiträgt, dessen Arbeit verdient keinen Applaus. Und wer sein WHY nicht benennen kann und das in einem Satz, muss nochmal üben. Aber können wir alle immer gleich die ganze Welt retten? Gibt es nicht auch einfach Arbeit, die getan werden muss? Gibt es nicht genügend Menschen, für die nachvollziehbarer Weise das Gehalt zu Beginn eines Monats letztendlich Sinn genug ist?

Nicht alle Menschen haben den Luxus, sich um die ganz großen Themen auf der Welt kümmern zu können. Viele haben schon genug damit zu tun, sich in Zeiten wie diesen überhaupt über Wasser zu halten. Was tut es unserer Gesellschaft an, wenn der Purpose die neue Daseinsberechtigung ist? Ist er unbemerkt zum Ausgrenzungsmechanismus geworden? Wir vergeben damit eine Wertigkeit an unterschiedliche Arbeiten und unterschiedliche Menschen. New Work kann uns aus meiner Sicht wirklich helfen, die großen Herausforderungen dieser Welt anzugehen, aber New Work ist kein Purpose-Wettbewerb. Wie können wir diesem Irrtum entgegensteuern und wo ist sie eigentlich hin, die Macht? Ist sie einfach verschwunden, oder nur woanders?

Gibt es nicht auch einfach Arbeit, die getan werden muss? Gibt es nicht genügend Menschen, für die nachvollziehbarer Weise das Gehalt zu Beginn eines Monats letztendlich Sinn genug ist?

Die neue Macht heißt Purpose.


Wir haben in den letzten Jahren eine Entwicklung auf dem Markt gesehen, in der immer mehr Unternehmen „purpose-driven“ aktiv dazu beitragen, die Welt besser zu machen. Das ist zweifelsohne die richtige Entwicklung. Jedes Unternehmen kann und sollte den eigenen Einfluss für gute Zwecke nutzen. Und ja, wir haben lange genug zu wenig getan und müssen das dringend aufholen. Gleichzeitig nehme ich aber auch wahr, wie eine kleine Gruppe von Menschen bzw. Unternehmen einen immer größeren Einfluss auf immer mehr andere Unternehmen und damit auf den ganzen Markt hat.

Was ist, wenn das, was früher mal der große Firmenparkplatz oder das schönste Einzelbüro war, heute die größte Reichweite ist? Sind Follower jetzt der neue Jahresbonus? Haben sich lediglich unsere Statussymbole verändert?

Gründer:innen und Unternehmensinfluencer:innen mit DEM Purpose oder DER Mission, sie alle generieren mit dem Sinn ihrer Aktivitäten Sichtbarkeit, Follower und natürlich jede Menge Geld. Sie sind die Stars von heute, und irgendwie haben sie das Sagen. Ist das jetzt so viel anders als früher? Was ist, wenn der Purpose die neue Macht ist? Was ist, wenn das, was früher mal der große Firmenparkplatz oder das schönste Einzelbüro war, heute die größte Reichweite ist? Sind Follower jetzt der neue Jahresbonus? Haben sich lediglich unsere Statussymbole verändert?


Von der Vielfalt zum Einheitsbrei


Früher saßen die Machtinhaber:innen nur im eigenen Unternehmen und hatten meist auch nur darauf Einfluss. Natürlich hat man genetzwerkt und manchmal auch unternehmensübergreifend voneinander gelernt. Heute allerdings sitzen die Machtinhaber:innen außerhalb und haben Einfluss auf diverse Organisationen gleichzeitig, denn während wir uns früher Beratungsunternehmen ins Haus geholt haben, wenn Veränderungsprozesse anstanden, werden heute jene Unternehmensinfluencer:innen geholt. Es gibt ein Rolemodel für Diversity, New Work, die GenZ, den Klimaschutz und viele andere Themen, die unbestritten absolut wichtig und dringlich sind und uns alle zurecht bewegen. Natürlich haben diese Vorbilder auch sehr viel „richtig“ gemacht und zurecht viel zu sagen. Aber wenn die immer gleichen Menschen zu ihren Themen bereits in jedem Unternehmen waren, tun dann alle Unternehmen bald nur noch das Gleiche?

Wenn die immer gleichen Menschen zu ihren Themen bereits in jedem Unternehmen waren, tun dann alle Unternehmen bald nur noch das Gleiche?

Wer nicht direkt in den Genuss einer individuellen Beratung durch Unternehmensinfluencer:innen kommt, kann sich wenigstens den Podcast der begehrten Person anhören, denn viele Influencer:innen versorgen die Nation in regelmäßigen Abständen mit ihren Talks. Ich höre selbst liebend gerne gute Business-Podcasts, allerdings findet sich fast keine Podcastfolge mehr, in der der Host nicht schon im Podcast des Gastes war – und das auch schon mehrfach. Eine kleine einflussreiche Gruppe von Menschen lädt sich also nur noch gegenseitig in ihre Podcasts ein und redet unter anderer Überschrift über dieselben Themen, eingefärbt durch dieselben Meinungen. Wenn relevante Business-Podcasts nur noch für die Purpose-Elite bestimmt sind und sich im Kreis drehen, während die gleiche Purpose-Elite jedes Unternehmen berät, wieviel Vielfalt haben wir dann wirklich noch? Befinden wir uns bald schon im Purpose-Einheitsbrei? Und was ist, wenn Menschen, denen Unternehmen blindlings folgen, ihre Machtposition schlichtweg ausnutzen?


Die Macht ist tot, lang lebe die Macht!


Fynn Kliemann, Zeitgeist seiner Generation, war als vorbildlicher Unternehmer bekannt. Er wollte offiziell immer nur Gutes tun, natürlich nicht, um Geld zu verdienen. Aufgrund dessen, wie er sich als Person des öffentlichen Lebens gezeichnet und gezeigt hat, hätte ihm niemals jemand eine böse Absicht unterstellt. Die Folge: Er ist innerhalb kurzer Zeit extrem einflussreich geworden. Menschen haben ihm blindlings vertraut und ihm Geld für unterschiedlichste Vorhaben gegeben. Unternehmen wollten mit ihm kooperieren. Als das lupenreine Image Kliemanns am 6. Mai 2022 durch die veröffentlichten Informationen des ZDF Magazin Royale ins Wanken geriet, war die Empörung zurecht groß. Wirkliche Schlüsse daraus gezogen haben wir allerdings nicht. Menschen wie Kliemann, die betonen, nicht auf Macht aus zu sein, haben dafür bereits erschreckend viel davon. In einer Welt, in der wir alles (ver)teilen wollen, um nicht von wenigen abhängig zu sein, sind wir es mehr als je zuvor.

Als Gesellschaft müssen wir achtsam sein und uns fragen: Wieviel Macht haben ausgewählte Menschen heutzutage wirklich? Wie sehr grenzt Purpose aus? Geht es uns besser, jetzt, da wir keine Hierarchie, aber dafür Influencermanie haben?

Möglich, dass das alles eine unbewusste Entwicklung ist. Es ist jeder Person zu glauben, dass sie wirklich für ihren Purpose steht. Wir haben heutzutage tolle Gründer:innen und Unternehmer:innen, die Zukunft denken. Gleichzeitig müssen wir als Gesellschaft achtsam sein und uns fragen: Wieviel Macht haben ausgewählte Menschen heutzutage wirklich? Wie sehr grenzt Purpose aus? Handeln wir so wirklich im Sinne von New Work? Geht es uns besser, jetzt, da wir keine Hierarchie, aber dafür Influencermanie haben?

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